Kaum ein Thema ist so aufgeladen wie die Geschichte der Impfungen. Im Interview mit Mag. Elsa Mittmannsgruber bei AUF1 präsentiert der ehemalige Chefarzt und Bestsellerautor Dr. Gerd Reuther mit seinem Buch „Riskanter Schutz“ eine radikale Gegenposition.
Schon zu Beginn macht Reuther deutlich, wie weit seine Kritik reicht. In 300 Jahren Impfgeschichte sei „kein einziges Schutzversprechen eingehalten worden“, sagt er. Eine Aussage, die den Ton des gesamten Gesprächs vorgibt.
Eine andere Geschichte der Pocken
Besonders kontrovers wird es bei den Pocken. Während diese gemeinhin als eine der tödlichsten Seuchen gelten, zeichnet Reuther ein völlig anderes Bild. Über Jahrhunderte hinweg habe es sich um eine „harmlose Kinderkrankheit“ gehandelt, erklärt er, die erst im Laufe der Zeit zu dem geworden sei, was man heute darunter versteht.
Entscheidend sei dabei nicht nur die gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch die Art der Reaktion. Das eigentliche Problem sei „im Prinzip hausgemacht und auch gewollt“ gewesen, so Reuther. Die damalige Praxis, Menschen gezielt mit Pockenmaterial zu infizieren, habe die Lage nicht entschärft, sondern verschärft. Schwere Verläufe seien erst entstanden, als man begann, „dieses Pockengift invasiv in andere Menschen einzuritzen“.
Damit stellt er die Grundannahme infrage, dass die frühen Immunisierungsversuche Schutz gebracht hätten. Für ihn war vielmehr das Gegenteil der Fall.
Angst als Motor
Im weiteren Verlauf des Gesprächs lenkt Reuther den Blick auf die gesellschaftliche Dimension. Impfprogramme, so seine These, hätten nur dann breite Akzeptanz gefunden, wenn zuvor ein entsprechendes Bedrohungsbild aufgebaut worden sei.
Impfungen könnten nur dann als Schutzversprechen wirken, wenn die Bevölkerung Angst habe, erklärt er – und genau diese Angst sei historisch gezielt verstärkt worden. Ohne dieses Fundament wäre eine flächendeckende Umsetzung kaum möglich gewesen.
Widersprüche der Geschichte
Als Beispiel führt Reuther die große Pockenepidemie des 19. Jahrhunderts an. Zwischen 1870 und 1873 kam es in Europa zu einem massiven Ausbruch. Zu einem Zeitpunkt, als in vielen Ländern bereits sehr hohe Impfquoten erreicht worden waren.
Dass gerade unter diesen Bedingungen eine derartige Epidemie entstehen konnte, wertet er als klaren Hinweis darauf, dass das damalige Schutzversprechen nicht eingelöst wurde. Für ihn zeigt sich hier ein Muster, das sich durch die gesamte Impfgeschichte ziehe.
Man habe, so formuliert er es zugespitzt, letztlich „gesunde Menschen krank gemacht“ und damit die Verbreitung von Krankheiten nicht verhindert, sondern erst befeuert.
Polio neu gedacht
Noch weiter geht Reuther bei der Deutung der Poliomyelitis. Was heute als klassische Viruserkrankung gilt, interpretiert er grundlegend anders. Polio sei „keine Viruserkrankung, sondern eine Vergiftung“, sagt er und verweist auf Umweltgifte, insbesondere Pestizide, als mögliche Ursachen.
Der Rückgang der Erkrankung nach Einführung der Impfungen wird von ihm ebenfalls anders erklärt. Man habe schlicht das, was früher als Polio bezeichnet wurde, später unter anderen Diagnosen geführt. Die Krankheit sei nicht verschwunden, sondern umbenannt worden, so seine These.
Kritik an den Ikonen der Medizin
Auch die großen Namen der Medizingeschichte bleiben in Reuthers Darstellung nicht unangetastet. Jenner, Pasteur und Koch hätten nicht unvoreingenommen geforscht, sondern seien von Anfang an mit festen Annahmen in ihre Arbeit gegangen.
Sie seien, so Reuther, „nicht unbefangen“ gewesen, sondern hätten ihre Hypothesen nicht ausreichend überprüft. Für ihn beginnt hier eine Entwicklung, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt: Eine Theorie wird gesetzt und anschließend verteidigt, selbst wenn sich Widersprüche zeigen.
Offene Fragen bei Kinderimpfungen
Im Blick auf die Gegenwart verweist Reuther auf Daten, die seiner Ansicht nach zu wenig Beachtung finden. Es gebe Hinweise darauf, dass geimpfte Kinder später häufiger von bestimmten Erkrankungen betroffen seien, erklärt er.
Dass diesen Beobachtungen nicht konsequent nachgegangen werde, führt er nicht auf mangelnde Daten zurück, sondern auf ein System, das sich selbst stabilisiert. Kritik werde abgewehrt, statt geprüft.
Ein Muster über Jahrhunderte
Immer wieder kehrt Reuther zu einem zentralen Punkt zurück: dem wiederkehrenden Muster in der Geschichte der Impfungen. Zunächst werde eine neue Maßnahme als „sicher und wirksam“ eingeführt. Zeigten sich Probleme, werde das Versprechen angepasst, relativiert oder neu definiert.
Dieses Schema ziehe sich, so seine Überzeugung, durch die gesamte Entwicklung der letzten 300 Jahre.
Blick nach vorne
Zum Abschluss richtet sich der Blick in die Zukunft. Für Reuther ist das klassische Impfprinzip an seinem Ende angekommen – nicht jedoch die dahinterstehenden Strukturen.
Impfungen würden bleiben, sagt er, allerdings zunehmend in einer neuen Rolle: als Instrument gesellschaftlicher Steuerung. Die Grenze zwischen medizinischer Maßnahme und sozialer Kontrolle könne dabei weiter verschwimmen.
Sein Fazit formuliert er in einem Satz, der über das Gespräch hinausweist: Wer etwas durch Lügen erreicht habe, werde es durch die Wahrheit wieder verlieren.
Das Buch „Riskanter Schutz“ von Dr. Gerd Reuther ist hier erhältlich.